"Liebe"

Liebe

„Alle Fantasien scheinen möglich, kaum etwas ist wirklich von der Obrigkeit zu kontrollieren.Nur: Alles bleibt zunächst künstlich, produziert mit heißem Kopf und auf kaltem Bildschirm, online eben. Die Illusionen werden stets perfekter und differenzierter, die Wirklichkeit scheinbar immer unwichtiger und oft gar nicht mehr erwünscht.“
( Dijk, Lutz van: Die Geschichte von Liebe und Sex, Frankfurt am Main 2007, S. 184)

„Wenn das Liebe ist” singt Glashaus 2001. Emotional, nachdenklich, kritisch, sogar anklagend und vorwurfsvoll kommt dieses Lied daher. Wie genau ist diese „Liebe“ zu verstehen, die sich in Zeiten von Web 2.0 geradezu auf(den Bildschirm)drängt?Circa fünfundvierzig Millionen vierhundert Tausend Einträge spuckt die uns allseits beliebteSuchmaschine Google aus, wenn wir nach der Liebe suchen. Wider meinen Erwartungenwerden zunächst romantisch geprägte, vor allem auf das weibliche Geschlecht ausgerichtete Einträge zu Tage gefördert; das Suhlen im Rotlichtmilieu scheint weit weg. Romantik fern aller Rationalität (vgl. Burda, Silke: „Was nützt die Liebe im Virtuellen?“ Adoleszenz, Sexualität und der virtuelle Erfahrungsraums des Internet, Dissertation, Ludwigsfelde 2008, S. 16).
Und doch ist die Ironie nicht zu verfehlen: Werden mit der Liebe zunächst Attribute wie Uneigennützigkeit und Vertrauen assoziiert, erscheint dennoch zügig die kommerzielle Seite der Medaille. Die Rutsche in den „Sündenpfuhl“ der Pornoindustrie und käuflicher Liebe wird gut geölt, schließlich soll’s schön schnell flutschen, das Geld, die Bedürfnisbefriedigung; auch die Moral? Das Internet bringt die Prostitution, die es ja eigentlich schon immer gibt direkt ins Heimische, während die Ehefrau nebenan seelenruhig schläft. Als vereinfacht können die Arbeitsbedingungen derer beschrieben werden, welche die harte körperliche
Arbeit des Sich-Ausziehens vor der Kamera verrichten, weil dies dank Webcam nun live und in Farbe in Privatsphäre geschehen kann. Genau dorthin soll laut historischer Kirchenväter der Sex ausgesät werden. Foucault spricht von Repressionen, meint die Verbannung der Sexualität ins Private und das schamhafte Sprechen darüber (vgl. Foucault, Michel: Sexualität und Wahrheit. Der Wille zum Wissen, Frankfurt/Main 1977, S. 139), damals; und heute? Privater Sex verpflanzt sich in den Raum der Öffentlichkeit: das Internet. Auf www.youporn.com können Amateur-Videos der Marke selbstgemacht bestaunt werden. Jedoch stellen wir fest, dass dort zu Sehendes bereits bekannt, nicht mehr schockierend ist; schließlich liegt die Aufklärung weit hinter uns.

„Da die Sexualität nicht in einem geistigen Liebesideal sublimiert werden muss und die‚Selbstverwirklichung‘ angeblich vom Experimentieren mit einer Reihe von Partnern abhängt,ist die Absolutheit, die von der Erfahrung der Liebe auf den ersten Blick vermittelt wurde, heute zu einem kühlen Hedonismus des Freizeitkonsums und der rationalisierten Suche nach dem geeignetsten Partner verblasst. Die Jagd nach Vergnügen und das Sammeln von Informationen über potentielle Partner bilden heute das Anfangsstadium der Liebe.“
(Kamper, Dietmar, zit. nach Precht, Richard David: Liebe. Ein unordentliches Gefühl, München 2010, S. 327.)

Der Sprung ins vorgewärmte Becken der Seriosität anmutenden Online-Partnervermittlungen fällt leicht: Jetzt kostenlos anmelden! Nur wer wirklich etwas über die potentiellen Partner wissen möchte, stolpert über die Hürde des lieben Geldes. Ob elitär oder reich, ob ungebildet oder arm, für jeden lässt sich im großen Topf, voll gefüllt mit Liebes-Brei, das „Richtige“ finden. Dieses „Richtige“ wird übrigens mittels wissenschaftlicher Persönlichkeitstest ermittelt. Personen mit einer großen Anzahl an Matchingpoints (wir schöpfen auch bei den Wörtern aus den Vollen von Amerika, dem prüden Land mit der weltweit größten Pornoindustrie) werden einander zugeteilt. Vereinen lassen sich alle Vermittlungsagenturen unter dem (Rettungs)Schirm der Professionalität, was sie vor dem Eindruck der käuflichen
Liebe bewahrt. So soll ebenfalls dazuzählen Erlebnis18.de – mittlerweile auch bekannt unter dem Namen First Affair – eine Seitensprungvermittlung, deren Werbung munter über den Fernsehbildschirm flimmert. Wen stört’s? Sex sells! Das ist bekannt von Bildzeitung, Musikvideos und anderen Medien.

Fraglich bleibt, wie das unerklärliche Gefühl der Liebe in diesen Kontext einzuordnen ist. Laut Plato stehen Liebe und Sexualität in enger Verbindung zueinander, wenn nicht sogar in Abhängigkeit. Gegensätzlich wurde in der Antike unterschieden zwischen Liebe als neigungsbestimmte Fürsorge, wie im Neuen Testament verwendet als Liebe Gottes zu den Menschen, und der Leidenschaft oder Begierde, beziehungsweise Geschlechtsneigung (vgl. o.A.: Liebe, in: Regenbogen, Arnim / Meyer, Uwe (Hrsg.): Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Hamburg 1998, S. 381). Die Psychoanalyse beschreibt Liebe als Grundtrieb zur Vereinigung. Schließlich betrachtet die Philosophie Liebe als eine „äußerste, in keine weitere Hinsicht mehr einzuordnende Weise wissenden und handelnden menschlichen Daseins“
(Casper, Bernhard: Liebe, in: Krings, Hermann / Baumgartner, Michael / Wild, Christoph(Hrsg.): Handbuch philosophischer Grundbegriffe, München 1973, S. 860).

Aktuell hingegen, bezeichnet Precht Liebe gar als ein Konzept, wohinter eine komplexe Vorstellungswelt steht, gespeist mit Gefühlen aus dem Langzeitgedächtnis. Auch er unterscheidet zwischen der Liebe, der Verliebtheit – diese sei erkämpft mit der Unterversorgung bestimmter Hirnareale – und der Sexualität, einem natürlichen Trieb. Dass im Laufe einer Beziehung, idealtypisch betrachtet, alle drei Ebenen abgedeckt werden, ist als trivial zu erachten. Die böse Sexualität sei wohl daran schuld, dass der Mensch seit dem Sündenfall die Erbschuld stetig weitervermittelt. Liebe ist unter natürlichen Gesichtspunkten schlichtweg nicht zweckmäßig, so Precht, denn der Biologie des Menschen geht es einzig um Vermehrung und um reichliche Streuung und Vermischung des Erbguts. Also: möglichst viele Frauen zu begatten ist die oberste Maxime des Mannes. Die Frauen stehen dann mit der häuslichen Gemeinschaft und der Horde von Kindern allein; damals in der Höhle, heute in der Villa, während Mann sich draußen in der Wildnis voller sexueller Versuchungen vergnügt.

Wie weit generieren Medien die Liebe? Obwohl Liebe stets als persönlich und individuell betrachtet wird, produziert sie sich in den Medien doch als eine gewisse Semantik. Die deutsche Gesellschaft von heute kommt in Prechts Sprachgebrauch als „oversexed und abgefuckt“ daher: Statistisch gesehen haben wir weniger Sex als vor Jahrzehnten, trotz starker medialer Präsenz von Liebe und Sexualität. Gleich bleibt, damals wie heute, Trennung schmerzt. Sie ist eine Verlusterfahrung, weil Menschen denken, vorher sei alles gut gewesen – welch ein Irrglaube! Precht versteht die unerfüllte Liebe gar als die langlebigste, da sie die meisten Gefühle, Hochs und Tiefs durchlebt, wovon sie schließlich auch genährt wird – wohl ist sie vor allem diejenige Liebe, die mit den größten Schmerzen verbunden ist. Schließlich ist
zu konstatieren, Liebe stellt im heutigen Mediatisierten die einzige Sinnstiftung dar; sie stößt die Religion, den Stand und den Beruf vom Thron als Herrscher dieser Welt. Die Vorstellung vom Leben langen Lieben ist die aktuelle Sehnsucht des Menschen! (Vgl. Precht, Richard David: Liebe. Zu Geschichte und Erscheinungsform einer rätselhaften Emotion, einer Podiumsdiskussion, Lüneburg 2011). Dazu können wir nur artig mit dem Kopf nicken und beschämt die Pornoseite zumachen, den Computer ausmachen. Zurück in die Realität. Nebenan im Bett liegt nämlich unsere Liebe und wartet schon auf uns.


Lisa Weiß

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